
Welche Geschichte liegt zwischen Chicago und Hamburg?
Zwischen dem „Chicago Book Mart“ und dem Antiquariat Reinhold Pabel lag ein Weltmeer und eine Laufbahn, die genauso bewegt war, wie dieses. Die Umsiedlung nach Deutschland 1965 erfolgte per Bohnendampfer via Liverpool, an Bord: 35 Übersee-Truhen mit den besten Büchern aus Chicago. Ohne Niederlassungserlaubnis als Amerikaner (der er mittlerweile war) arbeitete Pabel zunächst mit dem Bonner Antiquar und Verleger Rudolf Habelt zusammen, in der „Antiquariat Reinhold Pabel GmbH & Co. KG“. 1973 ging er für 1 Jahr als Antiquar zu Gerstenberg nach Hildesheim - ein stepping stone auf dem Weg nach Hamburg, wo er schließlich 1974 in den „Krameramtsstuben“ ankam.
Ihre Internetseite gibt es in deutscher und englischer Sprache. Wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu internationalen Kunden?
Klischeehaft könnte man sagen: Der Geist weht, wo er will, und kennt dabei keine Grenzen, aber Sprachen sollte er kennen. Auch das gehört zu den Abenteuern unseres Berufes: Bestellungen aus Molina di Quosa, Yokohama oder von einer Insel unter dem Winde zu erhalten. Ach, wer sie persönlich ausliefern könnte! Anregend ist es oft auch, ausländische Kunden in unseren Geschäften zu begrüßen, mit ihnen ins Gespräch zu kommen und womöglich eine freundschaftliche Geschäftsbeziehung aufzubauen: zu dem jungen argentinischen Komponisten Oscar S., dem Schriftsteller Alberto M. in Frankreich oder der Kommunikationswissenschaftlerin Alyazia Khalifa al-S. aus Abu Dhabi...
Beide Filialen Ihres Antiquariats liegen am Fuße des Hamburger „Michel“. Welche Erfahrungen machen Sie mit Stadttouristen, die „ganz nebenbei“ auf Ihr Antiquariat stoßen?
Es sind vor allem die Einzelreisenden, auch Kulturschaffende, jedenfalls Buchmenschen, die sich in unseren Läden umschauen, dies genießen und etwas kaufen. Von gelegentlich wiederkehrenden Reisenden wissen wir, dass wir selbst schon so eine kleine „Sehenswürdigkeit“ geworden sind, eine weitere Bestätigung für die Notwendigkeit, am Ladenantiquariat festzuhalten.
Was bedeutet der Beruf des Antiquars für Sie?
Reinhold Pabel brachte eine unter amerikanischen Kollegen verbreitete Erkenntnis mit nach Europa: "Bookselling is a very pleasant way to make very little money." So ist es. Aber: What makes it so pleasant?
Erstens: Die Materie, mit der wir uns befassen, im stofflichen Sinne, und der Stoff, der in den Büchern materialisiert ist; die Bücher mit ihren Einbänden, Papieren, Ausstattungen, ihrem Geruch, ihrer „Haptik“; und - mit ihren Inhalten und Botschaften, Gedanken und Erkenntnissen, Fantasien und Spielarten, mit ihren Schicksalen, ihrer ganz „persönlichen“ Provenienz und Biographie.
Zweitens: Die Menschen, die ins Antiquariat finden, nach einem schönen, interessanten, seltenen, für sie bedeutsamen Buch suchen, oder auch gar nicht suchen, einfach nur finden, oder das Gespräch suchen, den Austausch mit dem Antiquar, einen antiquarischen Rat, eine Information. – Übrigens sehen wir in letzter Zeit immer mehr junge, sehr junge Leute hier im Laden, die zum Beispiel gern wissen wollen, was ein Antiquariat ist und wie es von innen aussieht, denn sie haben in einem Buch darüber gelesen… Und schließlich die Menschen hinter den Büchern. Denen wir erst in ihren Büchern allmählich „begegnen“, wenn während der Bearbeitung des Materials langsam ein Profil hervortritt. Das hat mitunter etwas sehr Aufregendes, Intimes, Bewegendes.
Was fasziniert Sie an alten Büchern und Autografen?
Nehmen wir die Autografen zuerst und kleiden sie in eine „Liebesgeschichte“: Als Primaner sah ich ein Foto der jungen Sarah Bernhardt - und war verloren. Es war eines der berühmten Porträts von Nadar. Vor etlichen Jahren fand sich in einem Konvolut alter Fotografien ein Originalabzug exakt jenes Fotos. Als ich später beim Kollegen Köstler ein Briefchen meiner „mystischen Geliebten“ entdeckte, mußte ich es haben. Nun ziert beides den Schrein meiner Hausgötzen. Es ist die physische Nähe, die wir in solchen Objekten spüren, die Gegenwärtigkeit historischer Personen, die uns etwas bedeuten, in Zeugnissen, die unwiderlegbar in ihren Händen waren.
Und die alten Bücher? Wieviel mehr erzählen sie von den Jahrzehnten, Jahrhunderten, durch die sie gegangen sind, oft unbeschadet. Kleine Indizien wie Glassplitter, Getreidekörner, Steinchen, Wollfäden und Insektenflügel in ihren Falzen legen Vermutungen über ihr Schicksal nahe… Ist das Buch als solches schon ein Wunderwerk des menschlichen Geistes, so ist ein antiquarisches Buch durch das Wunder des Überlebens und Überdauerns nahezu ins Transzendentale erhoben.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Natürlich gibt es eine gewisse Routine, wiederkehrende Vorgänge und Tätigkeiten, aber in einem Ladenantiquariat ist jeder Tag ziemlich unberechenbar.
Wenn die Bedingungen stimmen, wird um 10 Uhr geöffnet, nachdem die Außenauslagen – „Schatztruhe“, Graphikkrippe, Büchertisch – für unsere Ladenbesucher eingerichtet sind. Dann folgt die Bearbeitung der eingegangenen Bestellungen: Bücher zusammentragen, fakturieren, packen, usw. Die bibliographische und konservatorische Bearbeitung der Neuzugänge ist Dauerthema. Wechselnde Schaufenstergestaltung, ständiges Nachordnen und Ausrichten der Bücher in den Regalen, Bestückung und Pflege des Lagers, in unserem Falle auch Neubuchbesorgungen etc. sind permanenter Bestandteil unseres Tagewerks.
Was war Ihr spektakulärster Fund bzw. Kauf?
Oft sind die Umstände, die Geschichten hinter den Käufen "spektakulär". Wir wurden einmal zu einer Dame gerufen, die sich genötigt sah, einen großen Teil ihrer Bücher zu verkaufen. Wir fanden genügend Interessantes, um eine Wagenladung davonzufahren. Nach wenigen Tagen begann die Dame, einzelne Titel wieder zurückzukaufen, mehrfach, bis wir nicht mehr „liefern“ konnten. Nach einem Jahr erhielten wir den Anruf eines jungen Mannes, der uns die Bücher seiner Mutter zum Kauf anbot. Die Adresse, die er uns angab, kannten wir. So kauften wir die Bücher jener Dame ein zweites Mal. Sie hatte sich inzwischen aus dem Leben verabschiedet.
Im vergangenen Jahr wurde uns die Arbeits- und Liebhaberbibliothek eines bekannten Typografen und Buchgestalters angeboten. Bei der Durchsicht der Bücher stieß meine Frau auf einen unscheinbaren Leinenband von Romano Guardini mit dem Rückentitel „Hölderlin“. Es war der Name Hölderlin, der sie reizte, das Buch herauszuziehen und aufzuschlagen. Auf dem fliegenden Vorsatz erkannte sie die Handschrift des Erstbesitzers: „Reinhold Pabel, 1939“! (Der Bücherfreund hatte seinerzeit 65,00 Mark für das Buch eingesetzt, die Erstausgabe, auf die es ihm ankam.)
Das zähle ich zu den „spektakulären“ Ereignissen im klassischen Antiquariat: die Begegnung verwandter Geister in Büchern, die sie gemeinsam schätzen, die aber meist ihre einzige Berührung bleiben – bis zu der novellenhaften Fügung, dass das Buch des Einen, auf welchem verschlungenen Wege auch immer, in den Besitz des Anderen gelangt und schließlich durch seine Erben an die Erben des Ersten gerät.
Von welchen Stücken sind Sie persönlich besonders fasziniert bzw. begeistert?
Ich liebe zum Beispiel jene kleinen flexiblen, blassblauen oder lindgrünen Interimsbroschuren des 18. und 19. Jahrhunderts mit ihrem bescheidenen Charme, oft noch unbeschnitten: „Deutschlands Goldgrube, oder durch welche inländischen Erzeugnisse kann der fremde Kaffee, Thee und Zucker möglichst ersetzt werden?“ – „Deutsche Justiz- und Polizey-Fama“. – „Angeblicher Einfluß mystischen Unfugs auf den Tod eines Postbeamten in Hamburg“.
Oder nehmen Sie die Drucke des Barock, der Aufklärung auf ihrem üppigen, klangvollen Papier, mit den schwarz und rot gedruckten Titeln, Frontispizen und Titelkupfern, Zierstücken und Vignetten. Da ist selbst die Anleitung zum Baue einer Jauchegrube die reinste Sinnenfreude!
Sie haben den ganzen Tag beruflich mit Büchern zu tun. Haben Sie abends genug von Literatur oder lesen Sie auch privat gerne?
Eine befreundete Rundfunkredakteurin äußerte einmal den Verdacht: „Ich glaube, Antiquare lesen nicht.“ – Was mich betrifft, so habe ich mich nicht nur aus zeitökonomischen Gründen, sondern aus persönlicher Leidenschaft auf die Lyrik verlegt, auf kleine Formen. In der Konzentration und in der Kontemplation schlummern enorme Kräfte, die entspannen, das Bewusstsein erweitern und den Geist frei machen für Reflexionen, neue Perspektiven und Ideen.