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Stefan Heym - der Unbeugsame


Der Schriftsteller Christoph Hein sagte in seinem NStefan Heym - Immer sind die Weiber wegachruf zu Stefan Heyms Tod am 16. Dezember 2001 unter anderem den Satz "Zum Ende machte ihm das Gehen gelegentlich Schwierigkeiten und er lief gekrümmt, doch ich habe nie einen Mann mit einem aufrechteren Gang erlebt." [www.freitag.de 21.12.2001]
Stefan Heym gehörte tatsächlich zu den ganz wenigen Menschen auf dieser Erde, die sich niemals haben beugen lassen und kämpferisch das, was sie als Recht erkannt haben, vertreten haben. Kämpferisch, aber frei von Aggressionen und standhaft.
In einem Spiegel-Interview Ende 2000, veröffentlicht am 18.12.2001, sagte er: Ich "glaube, es ist die Pflicht eines jeden, es auch auszusprechen, wenn er etwas als falsch erkennt. Auch wenn's unbequem ist, wenn es ihn schmerzt oder ökonomisch schadet." Und weiter "Es sind zu wenige, die das tun. Die meisten Leute sind interessiert an äußeren Dingen, dass es ihnen wirtschaftlich und materiell gut geht. Das andere ist ihnen nicht so wichtig. Aber ich bin nun einmal Schriftsteller, und ich glaube, dass auch die Gedanken, die man im Kopf und im Herzen trägt, dass dies im Leben sehr wichtig ist. Wenn man das verrät, dann ist man wirklich kein guter, anständiger Mensch."

Die Wendepunkte seines Lebens zeigen, dass er sich konsequent an seine Regeln gehalten hat.
Geboren wurde er am 10. April 1913 als Helmut Flieg, Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Chemnitz. Das Schulsystem nach dem Ersten Weltkrieg war noch geprägt von preußisch-militaristischer Disziplin, was seinem ungezwungenem Wesen gar nicht entsprach. Wie so häufig in solchen Fällen wurde die Literatur zum Ausgleich, von Karl May über später die Klassiker hin zu Stefan Zweig, Arnold Zweig, Romain Roland, Franz Werfel, Max Brod u. a., alles konnte die Familienbibliothek bieten. Schon mit 13 Jahren wollte er ein Schiller werden. Als freiheitlicher, aber zugleich noch naiver Geist hatte er sich der sozialen Gerechtigkeit verschrieben, das zunehmend aggressive Gehabe der Nazis stieß ihn ab. Der Zufall wollte es, dass er Anfang September 1931 morgens eine Zeitungsnotiz las, nach der "die Generalität der Reichswehr eine Anzahl ihrer Offiziere als Instrukteure der Koumintang-Armee nach China zu entsenden beabsichtige." [Stefan Heym: Nachruf]
Während des Unterrichts ging ihm das nicht aus dem Kopf und auf "Offizieren" reimte sich "exportieren" so schön, also schrieb er unter der Schulbank das Gedicht "Exportgeschäft", brachte es in der nächsten Freistunde zur sozialdemokratischen Zeitung »Volksstimme«, der Chefredakteur nahm es an, wohl wissend, dass das Ärger gibt, Helmut Flieg setzte seinen Namen darunter, nahm ganz glücklich sein Honorar von 35 Mark und war stolz, zum ersten Mal in der Zeitung zu stehen.
Die Folgen waren katastrophal: Er flog von der Schule, die Nazis in der Gemeinde geiferten, er musste aus Chemnitz weg, ging nach Berlin, machte dort 1932 Abitur und begann Journalistik zu studieren. Als er 1933 den Reichstag brennen sah, war ihm klar, dass er als Jude und auf der schwarzen Liste der Nazis stehend, keinerlei Chancen hatte. Er flüchtete nach Prag und schrieb nun unter dem Pseudonym Stefan Heym bei einigen Tageszeitungen. Aber sehr schnell war er auch da nicht mehr sicher und schaffte es 1935 mit dem Stipendium einer jüdischen Studentenverbindung an die Universität von Chicago zu kommen. 1937 bis 1939 war er Chefredakteur einer kommunistischen Zeitung in den USA, denn nur in der Theorie des Kommunismus sah er seine Ideale verwirklicht. Den Kapitalismus hatte er hier kennen und verabscheuen gelernt. Aber obwohl er 1942 mit seinem Roman »Hostages« (dt. Der Fall Glasenapp 1958) sofort einen Bestseller landete, blieb er nur ein in den USA geduldeter Ausländer - und die deutschlandfreundlichen Faschisten nahmen auch dort deutlich zu.

Durch seine Einbürgerung 1943 entging er der Gefahr, die sein Status als geduldeter Ausländer mit sich brachte; er wurde zur Armee eingezogen und ging als Sergeant für psychologische Kriegsführung bei der Invasion in der Normandie nach Europa. Er war glücklich endlich aktiv gegen die Faschisten kämpfen zu können. Nach dem Krieg wurde er 1945 wie viele andere auch in die "Heimat" zurückversetzt. Er war Sozialist und die UdSSR unter Stalin, von dessen Verbrechen man damals wenig wusste, verkörperte für Sozialisten das Ideal einer Gesellschaft. Als "prokommunistisch" wurde er anschließend aus der Armee entlassen. Nun begann in den Staaten unter McCarthy die Ära der Kommunistenhatz und auf dessen schwarzer Liste stand er ganz bestimmt. Da er zwar aus der Armee entlassen, aber immer noch Leutnant der Reserve war, hätte es eine einfache Lösung gegeben, ihn loszuwerden: Man hätte ihn ganz einfach in dem von ihm verurteilten Koreakrieg verheizen können. Aus Protest gegen den Krieg gab er alle Orden und Ehrenzeichen zurück und verließ 1952 mit Thomas Mann, Berthold Brecht und Charlie Chaplin die USA. Über Prag wollte er in das "gelobte Land", den sozialistischen deutschen Staat, die DDR, um zu helfen, den Sozialismus aufzubauen. Ihm unverständlich gestaltete es sich schwieriger als gedacht, dorthin zu kommen. Aber schlussendlich gelang es. Zwar wurde er als heimgekehrter Antifaschist gefeiert und privilegiert, aber sehr schnell erkannte er, dass Anspruch und Wirklichkeit heftig auseinanderklafften, dass das DDR-Regime "den Sozialismus zu einem Zerrbild der Idee entstellt". Er sah sich als "kritischen Marxist", der die Zustände bessern wollte. Einfach in der Versenkung verschwinden lassen konnte man diesen inzwischen weltbekanntem Autor nicht, aber man legte ihm Steine in den Weg, wo man konnte. Er war sich seiner guten Position durchaus bewusst, nahm kein Blatt vor den Mund und legte sich selbst mit den Allerobersten an. 1976 protestierte er mit anderen DDR-Schriftstellern gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und 1979 wurde er schließlich aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen. Das bekümmerte ihn wenig, er schrieb weiter und veröffentlichte in der Bundesrepublik. Dann schloss er sich in den 80er Jahren der Bürgerrechtsbewegung in der DDR an, um für einen freiheitlichen, demokratischen und sozialistischen Staat zu kämpfen, und am 4. November 1989 hielt er unter großem Jubel eine Rede über "den neuen, besseren Sozialismus in der DDR". Mit der Wiedervereinigung musste er erkennen, dass seine und seiner Mitstreiter Ideale nicht die Ideale des DDR-Volkes waren.

Aber er gab sich nicht geschlagen. Bei der Bundestagswahl 1994 lies er sich als Parteiloser auf der Liste der PDS aufstellen und kandidierte gegen Wolfgang Thierse (SPD) in Berlin-Mitte - Prenzlauer Berg und gewann das Direktmandat. Ziel seiner Kandidatur war, wie er selbst sagte, als Alterspräsident den 13. Deutschen Bundestag eröffnen zu wollen. Die Rede, die er damals hielt, hat streckenweise prophetischen Charakter. Die Tatsache, dass nach seiner Rede die CDU-Fraktion, wie vorher abgesprochen, ihm sogar den üblichen Höflichkeitsapplaus verweigerte - als Einzige applaudierte Frau Süssmuth - und dass die Rede auf Anordnung von Helmut Kohl nicht einmal als offizielle Bundestagsdrucksache erschien, wird spätestens die Geschichte beurteilen.
1997 startet er noch einmal mit 34 Politikern, Gewerkschaftern, Schriftstellern, Künstlern und Theologen in der "Erfurter Erklärung" einen Aufruf zu sozialer Demokratie und politischem Wechsel.
Im Dezember 2001 fährt er nach Jerusalem zu einer Konferenz über den von ihm verehrten Dichter Heinrich Heine und stirbt dort am 16. Dezember 2001 mit 88 Jahren an Herzversagen.

Stefan Heym sagte einmal, die beste Biografie eines Schriftstellers seien seine Werke.
Es ist verständlich, dass bei einem derart sozialkritisch engagierten Schriftsteller seine publizistischen Schriften leicht in den Vordergrund geraten - zumal sie brisantes Zeitgeschehen behandeln. (Viele dieser Schriften sind in der Veröffentlichung »Stalin verläßt den Raum« zusammengefasst.) Hinzukommt, dass auch fast alle seine Romane sozialkritisch sind. Leicht und zu Unrecht gerät dadurch die glänzende belletristische Seite seines Schaffens an die zweite Stelle. In den 60 Jahren dieses Schaffens hat er über 30 Romane geschrieben, die in beinahe 30 Sprachen übersetzt wurden, und über 1000 Novellen und Erzählungen, die zum Teil heute noch unveröffentlicht sind. Seine literarischen Werke gehören dem Umfang und der Bedeutung nach zu den wichtigsten der deutschen Nachkriegsliteratur, sie sind spannend, hintergründig bis humorvoll und ironisch witzig geschrieben.
Seine Bücher zu lesen, ist in jeder Hinsicht ein Genuss und ein Gewinn.


Hanns-Martin Wietek



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