Golo Mann (1909-1994) lebte in unruhigen Zeiten. Dies spiegelt sich auch in seinen historischen Werken wider, etwa in der Biografie des Napoleon-Gegners Friedrich von Gentz, die den eigenen Widerstand des Emigranten Golo Mann gegen Hitler anklingen ließ. Erst spät kehrte er aus dem Exil nach Deutschland zurück. Seine "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" (1958) wurde ein großer Erfolg, gerühmt wegen ihres brillanten Stils und dem Bemühen, die Vergangenheit kritisch, aber gerecht darzustellen. Manns Hauptwerk, eine Biografie Wallensteins (1971), des Feldherrn im Dreißigjährigen Krieg, wurde ein Bestseller und ein "Triumph erzählender Historie". Kollegen kritisierten sie als "Flucht in die Literatur". Die Frage, wie narrativ Geschichtsschreibung sein darf und soll, blieb umstritten. Golo Mann gab seine Antwort: Sie muss lesbar sein "wie ein Roman".
Biografie Friedrich von Gentz, zuerst in englischer Sprache erschienen, 1946.
Der Vergleich zwischen Roman und Historie ist sinnvoll, für mich wenigstens. [...] Keine Theorie gibt uns oder erklärt uns oder entschlüsselt uns die Fülle geschichtlicher Wirklichkeit; man bekommt sie niemals ganz in die Hand, sie ist unerschöpflich; darum muß man sie immer von verschiedenen Seiten angehen, um möglichst viele und weite Gegenden des unbekannten Kontinents zu erkunden.
Golo Mann, Plädoyer für die historische Erzählung, 1979
"Stern" vom 12.07.1964
Die Ostpolitik nach 1945 -
eines der wichtigsten politischen
Themen in Golo Manns Leben, auch
das Thema, in dem er die größte
Wirkung erzielt haben dürfte.
Der Sohn Thomas Manns hatte es nicht leicht mit der berühmten Familie. Golo Mann suchte Distanz und löste sich doch nie. Nach der Kindheit in München und Salem folgte das Studium bei Jaspers in Heidelberg. Aus dem jungen Sozialisten wurde im Exil ein konservativer Gegner Hitlers. Lange um Wirkungsmöglichkeiten ringend, kam der überwältigende Erfolg für Golo Mann spät, mit bald fünfzig Jahren. Zugleich gewann seine Stimme in der Bundesrepublik Gewicht: Golo Mann wurde zum vielgefragten Redner und einflussreichen Kommentator, er unterstützte die Ostpolitik Brandts und später den Wahlkämpfer Strauß.
Im Grunde möchte ich heraus aus der Politik und allem. [...] Meinerseits bin ich nicht ganz so schlecht, wie die Leute glauben. Aber wenn sie glauben wollen, so mögen sie. Ein bisschen mag es wohl daran liegen, dass ich, so sehr, so sehr sehr gegen meinen Instinkt, Wunsch und Willen, zu einer Art von Denkmal wurde. Und ein Denkmal zu zerstören, das macht immer Spass, ein Denkmal zieht die Blitze an.
Golo Mann an Hans-Martin Gauger, Icking, 5. April 1980
Golo Mann. Die Geschichte.
Eine Ausstellung des Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrums im Buddenbrookhaus, Lübeck in Kooperation mit dem Literaturhaus München
Eine große Sonderausstellung im Literaturhaus München zeichnet mit privaten und öffentlichen Zeugnissen, seltenen Bild-, Text-, Ton- und Filmdokumenten den bewegten Lebenslauf Golo Manns nach. Sie zeigt, dass auch für Golo Mann gilt, was er über Wallenstein schrieb: "Ein Nest aus Widersprüchen wird jede lebende Seele, sobald man sie beschreibt." Zu sehen ist die Ausstellung vom 29. Januar bis zum 5. April 2010.