Zeitzeugen-Special: Lion Feuchtwanger
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Kurzbiografie
Lion Feuchtwanger wurde am 7.7.1884 in München geboren. Der Romancier und Theaterkritiker emigrierte 1933 zunächst nach Frankreich, später nach Amerika. Er starb 21.12.1958 in Los Angeles. Seine Grabstätte befindet sich in Santa Monica, Woodlawn Friedhof.
Leben und Werk
Feuchtwanger stammte aus dem jüdischen, in Glaubensdingen noch orthodox geprägten Großbürgertum Münchens; er brach 1903 nach dem Abitur mit seinem Elternhaus, um sich einer schöngeistigen Laufbahn zu widmen. Diese wurde seit der Gründung des literarischen Vereins "Phöbus" (1903) von antisemitischen Anwürfen begleitet; in dem Schlüsselroman Der tönerne Gott (München 1910) wird - noch im Rahmen der Dekadenzliteratur um 1900 - sogleich die Frage nach den Existenzformen des Juden zum Leitthema. Auch die Dissertation Heinrich Heines Fragment "
Der Rabbi von Bacharach". Eine kritische Studie (München 1907), mit der Feuchtwanger sein philologisches Studium bei Franz Muncker abgeschlossen hatte, zeugt von seinem Interesse an der Existenz des jüdischen Schriftstellers in Deutschland. Wegen der Beschränkungen in der Hochschullaufbahn für Juden verzichtete er auf eine Habilitation.
Erfolgreich war Feuchtwanger zunächst als Theaterkritiker; seine kurzlebige Zeitschrift "Der Spiegel" ging in Siegfried Jacobsohns "Schaubühne" auf, der Feuchtwanger bis 1916 Artikel lieferte. Nach Kriegsausbruch warnte Feuchtwanger als einer der ersten deutschen Autoren vor patriotischer Hysterie - in Essays und bald auch in Bearbeitungen von Dramen der Weltliteratur wie "
Die Perser" (nach Aischylos; München 1917) und "
Friede. Ein burleskes Spiel", "
Nach den Acharnern" und der "Eirene" des Aristophanes (München 1918); doch erst das Zeitstück "
Die Kriegsgefangenen" (München 1919), das um Verständnis für den französischen 'Erbfeind' warb, wurde von der Zensur unterdrückt. Freilich änderte auch die Münchner Räterepublik, deren politisches Programm Feuchtwanger billigte, wenig an seiner Skepsis gegen die Wirkungschancen von Literatur; sein dramatischer Roman um den Dichterrevolutionär
Thomas Wendt (München 1920) bezeugt dies. Das Stück gab jedoch Anstöße zu einer Revolution des Theaters, die bis zum epischen Theater Bertolt Brechts führen sollte, der wie die junge
Marieluise Fleißer um 1920 zu seinen Schützlingen gehörte. Seit der Umsiedlung in die Metropole Berlin zählte Feuchtwanger - wie seine literarischen Vorbilder
Heinrich Mann und Alfred Döblin - zu den Repräsentanten fortschrittlicher Literatur in der Weimarer Republik. Er publizierte im "Berliner Tageblatt" und in der "Weltbühne"; die Geste einer Neuen Sachlichkeit, Provinzkritik und Amerikanismus provozierten in seinem Werk die traditionellen Dichtungsklischees. Als Rollengedichte der berühmten Romanfigur Babbitt von Sinclair Lewis ließ Feuchtwanger (zunächst unerkannt unter dem Pseudonym J. L. Wetcheek) sein "
Amerikanisches Liederbuch" PEP (mit Zeichnungen von Caspar Neher, Potsdam 1928) erscheinen. Die Zusammenarbeit mit Brecht, die noch in München mit dessen Leben Eduards des Zweiten von England (um 1923) begonnen hatte, wurde mit der Umarbeitung von Feuchtwangers Drama Warren Hastings. Gouverneur von Indien (München 1916) zu Kalkutta: 4. Mai (in: "
Drei angelsächsische Stücke", Berlin 1927) fortgesetzt; sie bewährte sich noch im Exil am gemeinsamen Simone-Projekt.
Mit dem Welterfolg seines Romans "
Jud Süß" (München 1925), der Bearbeitung seines früheren Jud-Süß-Dramas (München 1918), hatte Feuchtwanger freilich zu dem Typus des historischen Romans gefunden, dem er auch in Werken mit zeitgeschichtlichem Stoff treu bleiben sollte. Mit dem bösartigen nationalsozialistischen Propagandafilm, den Veit Harlan 1940 aus dem Stoff fertigte, hat Feuchtwangers Roman nichts gemeinsam. Im Schicksal des Hoflieferanten Süß-Oppenheimer, in seinem steilen Aufstieg im Württemberg des 18. Jahrhunderts und seinem Sturz, entdeckte Feuchtwanger das Modell für das Dasein eines jüdischen Staatsmannes, wie er es ursprünglich in einem Roman um Walther Rathenau schildern wollte. Die Spannung zwischen Ost und West, zwischen 'Geist' und 'Tat', zwischen Kontemplation und einem Handeln, das von der Jagd nach Erfolg bestimmt ist, hatte schon den Dramatiker fasziniert. Im "Roman, Typ Feuchtwanger" (Heinrich Mann) wird sie an vielfältigem, sorgfältig recherchiertem Material aufgewiesen; seine Stoffe wählte Feuchtwanger aus der Gegenwart, aus dem 18. Jahrhundert als der Epoche von bürgerlicher Aufklärung und Revolution, aus der Antike und aus der Geschichte der Judenheit. Gerade die Juden als das 'Volk des Buches' sind zu Sachwaltern des Geistes berufen; doch verlockt sie das Stigma ihrer Volkszugehörigkeit immer wieder zur Gier nach Anerkennung und Erfolg. Der Jud Süß nimmt erst zuletzt sein Judentum an.
Obschon diese Romane sich als buntes, belehrendes und spannendes "Gewebe" (Alfred Döblin) von Figuren und Handlungen präsentieren, zielt der nachrealistische Erzähler Feuchtwanger nicht auf ein detailgetreues Geschichtsgemälde, sondern auf die Erkenntnis überzeitlicher Wahrheit durch Typisierung der historischen Prozesse und der historisch Handelnden. So schildert der zeitgeschichtliche Roman "
Drei Jahre Geschichte einer Provinz" (Berlin 1930) in zeitkritischer Absicht den Aufstieg der Hitlerbewegung im Bayern der Jahre 1920-1923 als abgetane historische Episode. Der "Völkische Beobachter" (17.10.1931) bescheinigte dem Verfasser, er habe sich "nach dieser Leistung [...] einen zukünftigen Emigrantenpass reichlich verdient".
Das Exil führte Feuchtwanger 1933 nach Sanary-sur-Mer, dann - nach seiner Internierung in Frankreich 1940 und der Befreiung durch eine Intervention Eleanor Roosevelts - in die Vereinigten Staaten; seit Februar 1941 lebte Feuchtwanger in Los Angeles. Entschieden widmete sich der prominente Schriftsteller dem Kampf gegen den Nationalsozialismus. 1936-1939 war er Mitherausgeber der Moskauer Exilzeitschrift "
Das Wort". Bei seiner Moskaureise 1936/37 wurde er von Stalin empfangen, erlebte freilich auch den Schauprozess gegen Karl Radek. Trotzdem bekannte sich Feuchtwanger in seinem Reisebericht "
Moskau 1937" (Amsterdam 1937) emphatisch zum Sowjetkommunismus und löste damit heftige Debatten unter den deutschen Emigranten aus. In der McCarthy-Ära scheiterte daran noch seine Einbürgerung in die USA. Nach Deutschland kehrte Feuchtwanger nicht mehr zurück.
Das Schaffen der Exilzeit baut auf den Grundlagen der 1920er Jahre auf. Der Fortschritt zu vernünftiger Humanität bleibt für Feuchtwanger der Sinn der Geschichte. Die Aufgabe der Kunst in diesem Prozess untersuchen die Romane "
Die Geschwister Oppenheim" (Amsterdam 1933, seit der Rudolstädter Ausgabe von 1949 unter dem Titel "Die Geschwister Oppermann") und "
Exil" (Amsterdam 1940); sie wurden nachträglich mit Erfolg zur "
Wartesaal"-Trilogie zusammengefasst. Feuchtwangers Roman-Satiren gegen den Nationalsozialismus - "
Der falsche Nero" (Amsterdam 1936) und "Die Zauberer" (New York 1943, endgültiger Titel "
Die Brüder Lautensack", London 1944) - führen die ästhetische Faschismusdeutung aus Erfolg, die Hitler als wahnsinnigen Schauspieler einer historischen Rolle vorstellt, fort. Andererseits wird in "
Simone" (Stockholm 1944) der Widerstand - konkurrierend zu Brechts Konzept in "Die Gesichter der Simone Machard" - als Nachvollzug von Geschichtslektüre begriffen. In epischer Breite stellt das Panorama des vorrevolutionären Frankreich, "
Waffen für Amerika" (Stockholm 1947/48, unter dem Titel "
Die Füchse im Weinberg", Amsterdam 1947/48), den je eigenen Beitrag verschiedener Schriftsteller- und Menschentypen - von Beaumarchais bis Franklin - zum Fortschritt vor. Zu Feuchtwangers zentralem Werk wird jedoch die
Josephus-Trilogie ("
Der jüdische Krieg", Berlin 1932, "
Die Söhne", Amsterdam 1935 und "
Der Tag wird kommen", Stockholm 1945), das Modell für das Dasein eines jüdischen Schriftstellers in nichtjüdischer Welt. Im Lebenslauf des antiken jüdischen Geschichtsschreibers Flavius Josephus werden wirkende Mächte der Zeitgeschichte und zugleich damit Motive von Feuchtwangers gesamtem Schaffen reflektiert. Der historische Prozess, der vom Hass der Barbaren gegen den Geist vorangetrieben wird und deshalb widersinnig wirkt, verlangt dem Geschichtsschreiber - nach einer Formel Theodor Lessings - die 'Sinngebung des Sinnlosen' ab; wird ihm allerdings Erfolg zuteil, verstrickt sich der betrachtende Autor selbst in den Taumel der Macht. Überdies ist er von den Extremen eines pragmatisch-vernünftigen, aber bindungslosen Kosmopolitismus und eines leidenschaftlichen, aber lebensfeindlichen Nationalismus bedroht. Die beiden letzten Werke Feuchtwangers, "
Spanische Ballade" (Berlin und Reinbek bei Hamburg 1955, Seit der Ausgabe Berlin 1955 unter dem Titel "
Die Jüdin von Toledo") und "
Jefta und seine Tochter" (Berlin und Reinbek bei Hamburg 1957), kreisen um dieses Dilemma des Judentums. Der Roman "
Goya oder der arge Weg der Erkenntnis" (Frankfurt/Main 1951) hingegen handelt wiederum von dem Preis, den der volkstümliche, gesellschaftskritische Künstler für die Erkenntnis der Wahrheit im Geschichtsprozess zahlen muss; "
Narrenweisheit oder Tod und Verklärung des Jean-Jacques Rousseau" (Frankfurt/Main 1952) lässt schließlich die Person des Autors völlig hinter den historischen Taten verschwinden, die durch seine Worte bewirkt wurden. So hat Feuchtwanger den Weltruhm seines Werkes, der einem Robert Musil, aber auch Freunden wie Thomas Mann als Indiz geringeren Ranges erschien, bis zuletzt nach seinen künstlerischen und ethischen Voraussetzungen befragt.
Weitere Werke
Ausgaben
Gesammelte Werke in Einzelbänden, Berlin 1991-1995
Einzeltitel
Die häßliche Herzogin, Berlin 1923 (Roman).
Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, Berlin 1927 bis 1930
Die Aufgabe des Judentums (
zusammen mit Arnold Zweig), Paris 1933.
Unholdes Frankreich. Meine Erlebnisse unter der Regierung Petain, London 1942.
Wahn oder Der Teufel in Boston, Los Angeles 1948.
Centum Opuscula. Hrsg. Wolfgang Berndt, Rudolstadt 1956 (späterer Verlagstitel: Ein Buch nur für meine Freunde).
Das Haus der Desdemona oder Größe und Grenze historischer Dichtung. Hrsg. Fritz Zschech, Rudolstadt 1961.