"Wahnsinnig schwer, den Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen" - 100 Jahre "Blauer Reiter"

Neues entsteht in der Regel nur, wenn jemand den Mut besitzt, dem Alten die Gefolgschaft aufzukündigen, ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste.
Das Alte war in diesem Fall die "
Neue Künstlervereinigung München", in der um 1910 ein Teil der Kunst-Elite des Landes versammelt war. Ihr gehörte u.a. ein gewisser Wassily Kandinsky an, der sogar so lange ihr Vorsitzender war, bis er mit anderen Mitgliedern, die eher am Alten als am Neuen hingen, in Streit geriet.
Kandinsky fackelte nicht lange, legte den Vorsitz nieder und kümmerte sich darum, einen entscheidenden Schritt in die Moderne zu machen. Dies indes nicht alleine, sondern zunächst mit einem heute nicht minder berühmten Mitstreiter. Franz Marc war es, der einen Brief von Kandinsky erhielt, in dem dieser ihn um die Mitarbeit an einem
Almanach ersuchte, den er herausgeben wollte und der heute, 100 Jahre nach seinem Erscheinen, als Gründungsurkunde des "Blauen Reiters" gelten kann.
Franz Marc verfasste einleitende Worte für diesen Almanach, die wohl als ewige Wehklage, aber auch Programm aller Kunst gelesen werden können: "Es ist merkwürdig, wie geistige Güter von den Menschen so vollkommen anders gewertet werden als materielle", schrieb Marc, und wer wollte ihm da vom heutigen Standpunkt aus widersprechen. Wenig schmeichelhaft ist das, was Marc da feststellt, aber eben auch wahr: Es sei "wahnsinnig schwer, seinen Zeitgenossen geistige Geschenke zu machen."
Nichtsdestotrotz: Kandinsky und Marc schenkten ihren Zeitgenossen Nahrung für den Geist, schwer verdaulich indes für viele, die einem konservativen Kunstideal anhingen, inakzeptabel für die ehemaligen Kollegen, die sich im Rahmen der Neuen Künstlervereinigung allerdings immer weiter zerstritten.
Was da in der Münchner Galerie Thannhauser zu sehen war, muss für viele ein Schock gewesen sein. Radikal neue Ausdrucksformen, mit denen die Künstler einen Blick ins Innere der Dinge zu werfen versuchten.
Wichtig für die heutige Beurteilung des Blauen Reiters ist Kandinskys klares Statement, es habe sich zu keinem Zeitpunkt um eine geschlossene Gruppe oder gar eine Bewegung gehandelt. Der einzige gemeinsame Nenner war: Radikale Modernität, und zwar in den Augen der Initiatoren.
Auf diesen Nenner ließen sich Künstler wie Henri Rousseau, Robert Delaunay, August Macke und Gabriele Münter, Kandinskys langjährige Lebensgefährtin bringen, deren Werke im Rahmen der Ausstellung gezeigt wurden. Sie alle experimentierten auf eine unerhörte Art mit Farben sowie Formen und schufen einen Grad der Abstraktion in der Kunst, der viele entsetzen musste.
Der Name "Blauer Reiter" geht dabei zurück auf den Holzschnitt Kandinskys, der auch den Deckel des Almanachs ziert. "Je tiefer das Blau wird, desto tiefer ruft es den Menschen in das Unendliche, weckt in ihm die Sehnsucht nach Reinem und schließlich Übersinnlichem. Es ist die Farbe des Himmels," schrieb Kandinsky in der programmatischen Schrift "
Über das Geistige in der Kunst" und liefert damit auch eine Formulierung des Anspruchs, den die in Almanach und Ausstellung vertretenen Künstler verwirklichen wollten.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Mut des Verlegers Reinhard Piper, in dessen Verlag der Almanach erschien. Gemeinsam mit dem Berliner Fabrikanten und Kunstsammler Bernhard Köhler sicherte Piper die Finanzierung des Projektes und trug somit entscheidend dazu bei, dass eine Kunst sich der Öffentlichkeit präsentieren konnte, die wir heute als tiefen und wichtigen Einschnitt in der Kunsthistorie begreifen.
So wichtig dieser Einschnitt allerdings auch war, von so kurzer Dauer war das Aufflammen des Blauen Reiters. Auch, wenn man sich nicht als geschlossene Gruppe oder Bewegung verstand, so war doch Kandinskys Auftreten immer recht dominant, und es kam zu Auseinandersetzungen. Bezeichnenderweise erschien bereits die zweite Auflage des Almanachs mit getrennten Vorworten von Marc und Kandinsky.
Der Ausbruch des Weltkrieges tat sein Übriges, dass der Blaue Reiter eine kurze, wenn auch wirkmächtige Episode der Kunstgeschichte blieb. Franz Marc und auch August Macke, die entscheidend zu allem beigetragen hatten, blieben auf den Schlachtfeldern des Krieges zurück. Ihre Gedanken, und die von Kandinsky und zahlreichen anderen beteiligten Künstlern jedoch sind bis heute geblieben und wirken fort. Ein guter Grund, sich an diese Zeit zu erinnern und sich zu vergegenwärtigen, dass Neues in der Kunst oft nur durch den radikalen Mut zum Bruch mit dem Alten entsteht.
Carsten Tergast
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