Von den Schwierigkeiten der Geschichtsaufarbeitung - Zehn Jahre 2. Wehrmachtsausstellung10. Jahrestag Ausstellung

Am 27. November 2001 eröffnete der damalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin die zweite sogenannte "Wehrmachtsausstellung". Dass dies nicht irgendeine Ausstellung sein würde, war zu diesem Zeitpunkt bereits klar, denn wohl kaum eine Präsentation deutscher Geschichte hatte eine derartige Kontroverse ausgelöst, wie die vorangegangene über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg.

Doch eins nach dem anderen: die Vorgeschichte beginnt am 5. März 1995. Ab diesem Tag ist in Hamburg die Ausstellung mit dem Titel "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 - 1944" zu sehen, die in den folgenden Jahren noch an insgesamt 34 weitere Städte in Deutschland und Österreich gehen wird.
Geplant waren indes noch wesentlich mehr Ausstellungsorte, fast 100 weitere Anfragen sollen vorgelegen haben. Doch bereits 1996 entwickelte sich nach und nach eine öffenliche und von allen Seiten scharf geführte Debatte über die wissenschaftliche Genauigkeit und die Grundaussage der Ausstellung. Es zeigte sich mehr und mehr, dass es kaum noch um eine objektive Aufarbeitung von Geschichte und um ihre Verankerung im Bewusstsein nachfolgender Generationen ging, sondern überwiegend um ideologische Grabenkämpfe.
Schließlich ließ der Initiator und Finanzier der Ausstellung, der Hamburger Industrielle Jan-Philipp Reemtsma alle gezeigten Fotos überprüfen, nachdem auch seriöse Wissenschaftler kritisiert hatten, die dort gezeigten Verbrechen seien nicht von der Wehrmacht, sondern beispielsweise von Stalins Roter Armee begangen worden.

Diese großangelegte Überprüfung brachte tatsächlich eine geringe Anzahl von Bildern zu Tage, bei denen die Ausstellungsmacher nicht so genau hingeschaut hatten, sondern zufrieden damit waren, dass die Grundthese der Ausstellung von diesen Bildern gestützt zu werden schien. Die überprüfende Historikerkommission empfahl daraufhin, die Ausstellung zu überarbeiten, bevor sie weiter präsentiert werden könne.

Diese überarbeitete Version war es dann, die vor zehn Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Der neue Titel lautete "Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941 - 1944". Die Lehren, die aus der heftigen Debatte um die erste Ausstellung gezogen wurden, waren etwa darin zu sehen, dass ein Großteil der privaten Bilder weggefallen war, an denen sich u. a. die Kritik entzündet hatte. Verwendet wurden nur noch Fotos, bei denen Herkunft und Motiv eindeutig zuzuordnen waren. Diese Reaktion auf die Kritik wurde allgemein positiv aufgenommen, so dass sich um die zweite Ausstellungsvariante wesentlich weniger Diskussionen entzündeten als beim ersten Mal.

Betont wurde erneut, dass es sich nicht um eine pauschale Anklage gegen alle Wehrmachtsangehörigen handele. Exemplarisch wurden jedoch "Handlungsspielräume" vor Augen geführt, die begünstigt hätten, dass Wehrmachtsangehörige sich ungestraft an den Vernichtungsaktionen beteiligen konnten. In verschiedenen persönlichen Geschichten, die die unterschiedlichen Reaktionen der Soldaten, von der kompromisslosen Ausführung des Befehls bis zur Befehlsverweigerung, zeigten, konnten Ausstellungsbesucher die ganze Bandbreite dieses Teils der Wehrmachtsgeschichte nachvollziehen. Verschwiegen wurde dabei auch nicht, dass die Befehlsverweigerung offenbar keine Repressalien nach sich zog. So sei kein einziger Fall nachweisbar, bei dem die Weigerung, sich an einem Kriegsverbrechen zu beteiligen, dazu führte, "an die Wand gestellt" zu werden.

Zehn Jahre nach der Eröffnung der zweiten Ausstellung lohnt sich ein Blick zurück. Und sei es nur deshalb, um sich bewusst zu machen, wie wichtig, aber gleichzeitig auch schwierig es oftmals ist, unvoreingenommen historische Vorgänge zu beurteilen. Gerade die dunklen zwölf Jahre stellen uns in dieser Beziehung immer wieder vor hohe Ansprüche, einen Mittelweg zwischen Pauschalverurteilungen und der Anerkennung historischer Schuld zu finden. Die erneute Beschäftigung mit der Debatte um die Wehrmachtsausstellung gemahnt uns genau daran.

Carsten Tergast



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Heer, Hannes / Naumann, Klaus (Hrsg.) Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. Suchen