60 Jahre Westdeutscher P.E.N. - Teil der wechselvollen Geschichte einer Schriftstellervereinigung
Im Begriff der "Kultur", so sollte man meinen, schwingt immer auch ein tieferes Verständnis von Diskussionsfähigkeit, vom Willen zur Verständigung und vom friedlichen Umgang miteinander mit. Dass man diese Annahme durchaus nicht generalisieren kann, dafür gibt es viele Beispiele, ein besonders sinnfälliges ist jedoch die Geschichte des deutschen P.E.N.
Anlass für diesen Artikel sollte eigentlich die Gründung des westdeutschen P.E.N.-Zentrums vor genau 60 Jahren in Darmstadt sein. Doch, was so simpel klingt, hat eine unruhige Vor- und Nachgeschichte.
Gegründet wurde der P.E.N. in Deutschland bereits 1925, vier Jahre nach der internationalen Gründung in England. Über die Vorgänge zu Beginn der Nazizeit gibt es nun derzeit Streit. Anlässlich einer Ausstellungseröffnung in Berlin sprach das derzeitige deutsche P.E.N.-Zentrum davon, der deutsche P.E.N. sei 1933 aufgelöst worden.
Mehrere namhafte Kritiker wie Günter Kunert oder Ralph Giordano protestieren gegen diese Darstellung, indem sie darauf hinwiesen, nach der Machtübernahme Hitlers habe es lediglich die Gleichschaltung des P.E.N. gegeben und 1934 den Austritt aus dem internationalen P.E.N. Zur gleichen Zeit sei in England der Exil-P.E.N. gegründet worden, mit so profilierten Mitgliedern wie Heinrich Mann oder Ernst Toller.
Fakt ist jedenfalls, dass man 1948 etwas zu diesem Zeitpunkt bereits anachronistisches tat, nämlich die Gründung eines gesamtdeutschen P.E.N. Göttingen war damals Gründungsort, Hermann Friedmann, Johannes R. Becher und Ernst Penzoldt die drei Präsidenten mit jeweils gleichen Rechten. Hintergrund für die Möglichkeit, überhaupt drei Jahre nach Kriegsende wieder ein deutsches P.E.N.-Zentrum öffnen zu können, war u.a. die wohlwollende Intervention so berühmter Exil-Schriftsteller wie Thomas Mann oder Alfred Döblin gewesen.
Doch dem Lauf der Geschichte können sich auch Schriftstellervereinigungen nicht entziehen. Hatte Hermann Friedmann noch insistiert, es gebe eine "Nichtexistenz einer Ost-West-Spannung im deutschen Schrifttum", so zeigte sich diese Spannung in der Zeit nach der Gründung sehr wohl.
Johannes R. Becher wurde, genau wie die DDR-Autoren Stephan Hermlin, Alfred Kantorowicz, Anna Seghers und Friedrich Wolf von den westdeutschen Mitgliedern als Repräsentant eines Unterdrückungssystems wahrgenommen, was beispielsweise dazu führte, dass Autoren wie Günther Birkenfeld, Rudolf Pechel und Theodor Plivier ihren Austritt erklärten und die Spannungen innerhalb der Gruppierung verschärften. Insgesamt zwölf Autoren erklärten schließlich 1951 auf einer Tagung in Düsseldorf ihren Austritt und leiteten damit endgültig den Bruch ein.
So war die Gründung des westdeutschen P.E.N.-Zentrums am 5. Dezember 1951 in Darmstadt vor allem die Geschichte einer Entfremdung und die Dokumentation der Sprachlosigkeit, die innerdeutsch eingesetzt hatte. Damit gab es in der Folgezeit gleich drei deutsche P.E.N.-Zentren, denn neben den neu gegründeten westdeutschen und ostdeutschen Zentren existierte der Exil-P.E.N. weiterhin, und alle drei wurden schließlich vom internationalen P.E.N. anerkannt.
Erster Präsident des westdeutschen P.E.N. war Erich Kästner, der sich bemühte, in den bilateralen Beziehungen nicht zu viel "Kalter-Krieg-Rhetorik" aufkommen zu lassen. Das war gleichwohl ein frommer Wunsch, denn immer wieder vollzog sich auf der Bühne der Kultur in den folgenden Jahren das gleiche Spiel, das die Politik in ihrem Bereich forcierte.
Zwei Beispiele dafür seien an dieser Stelle genannt, aus denen auch hervorgeht, dass sich West und Ost in dieser Hinsicht beide nicht mit Ruhm bekleckerten. So war die Teilnahme von Anna Seghers am internationalen P.E.N.-Kongress in Amsterdam 1954 für die West-Fraktion Anlass, ernsthaft über einen Boykott der Veranstaltung nachzudenken. Und nur zwei Jahre zuvor hatte der Ost-P.E.N. versucht, das in London befindliche Zentrum deutscher Autoren im Ausland auflösen zu lassen.
Autoren, die aus der DDR geflohen oder emigriert waren, mussten sich im Westen einem komplett neuen Aufnahmeverfahren stellen, das galt selbst für Größen wie den Literaturwissenschaftler Hans Mayer oder den Philosophen Ernst Bloch.
So ging es neben vielen Verständigungsversuchen all die Jahre weiter, und es verwundert kaum, dass es nach dem Mauerfall und der Vereinigung beider deutscher Staaten immerhin bis 1998 dauerte, bis Ost- und West-P.E.N. zu einem gesamtdeutschen Zentrum verschmolzen werden konnten. Auch dieser Prozess war von so vielen Eitelkeiten und Kleinkriegen persönlicher Natur untergraben, dass Kritikerin Iris Radisch damals in der ZEIT über den P.E.N. als "Ostfriesen-Haus der Nation" polemisierte (der Autor dieses Artikels erinnert sich deswegen so genau daran, weil er als gebürtiger Ostfriese Iris Radisch einen bösen Brief wegen der unreflektierten Verbreitung von dummen Klischees schrieb).
Man sieht: auch der Bereich der Kultur existiert nie im luftleeren Raum, Eitelkeiten, Ideologien und persönliche Unzulänglichkeiten bestimmen auch in dieser Sphäre nur allzu oft die Diskussion und Vorgehensweise. Und wenn wir angesichts solcher Geschichten ins Kopfschütteln kommen, sollten wir das zum Anlass nehmen, demnächst selbst bei Konflikten weniger Eitelkeit und Ideologie aufkommen zu lassen. Damit wäre doch einiges gewonnen.
Carsten Tergast
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