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Marie Curie: die erste Frau der Wissenschaft

Madame Curie. Leben und Wirken.

Marie Curie, Nobelpreisträgerin der Superlative


Seit 1901 wird jährlich am 10. Dezember in Stockholm und in Oslo die wohl bekannteste Auszeichnung der Welt vergeben: der Nobelpreis. Seine Existenz verdankt er dem Testament des schwedischen Chemikers und späteren Großindustriellen Alfred Nobel, der durch die Erfindung des Dynamits reich und berühmt geworden ist. Nobel vermachte seinen Nachkommen nur einen kleinen Teil seines Vermögens, denn er war überzeugt, dass "ererbte Vermögen ein Unglück sind, die das Menschengeschlecht nur in Apathie führen". Stattdessen verfügte er, dass sein Geld in eine Stiftung überführt werden sollte, die alljährlich die bedeutendsten Forschungsleistungen in den Bereichen Chemie, Physik und Medizin, das in idealistischer Hinsicht bemerkenswerteste literarische Werk und denjenigen, "der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat", prämieren sollte.

Die Liste der 784 Preisträger, die die vergangenen 110 Jahre gesehen haben, liest sich wie das Who is Who des 20. Jahrhunderts. Und doch sticht aus der Menge illustrer Namen einer noch hervor, der gleich zweimal vorkommt. Dass dieser Name jedermann ein Begriff ist, ist ein bisschen verwunderlich, weil er in den Kategorien Physik und Chemie geführt wird, wo sich ansonsten recht wenige Forscher tummeln, deren Bekanntheitsgrad so weit über die Fachgrenzen hinaus reicht. Und angesichts der Tatsache, dass in den genannten Disziplinen bislang höchstens jeder 40. Preisträger weiblich war, grenzt es an ein Wunder, dass er der Name einer Frau ist: Marie Curie.

Marie Curie ist gewissermaßen die Nobelpreisträgerin der Superlative. Sie ist neben Linus Pauling (1954 Chemie- und 1963 Friedensnobelpreis) die einzige, die mit zwei Nobelpreisen in verschiedenen Kategorien gewürdigt worden ist. 1903 erhielt sie gemeinsam mit ihrem Mann Pierre und Anftoine Henri Becquerel den Nobelpreis für Physik. Sie war damit die erste Frau, die überhaupt einen Nobelpreis verliehen bekam, und ist bis heute eine von nur zwei Preisträgerinnen in der Kategorie Physik. 1911 folgte ein zweiter Nobelpreis, diesmal in der Kategorie Chemie, in der sie wiederum die erste Preisträgerin war. Nach Marie Curie haben nur noch drei weitere Frauen den Chemie-Nobelpreis zugesprochen bekommen, darunter ihre Tochter Irène, die 1935 gemeinsam mit ihrem Ehemann Frédéric Joliot-Curie für die Entdeckung der künstlichen Radioaktivität ausgezeichnet wurde.

Doch der Weg zum wissenschaftlichen Ruhm war steinig und der Preis dafür war hoch.

Maria Salomea Sklodowska wurde am 7. November 1869 in Warschau geboren. Der Landesname Polen war damals auf keiner Karte zu finden, denn Preußen, Russland und Österreich hatten die einstige Adelsrepublik ihrer Souveränität beraubt und das Territorium 1795 unter sich aufgeteilt. Das europäische Projekt "Kongresspolen", das darauf abzielte, zumindest einem Teil des Landes die Autonomie wiederzugeben, war spätestens 1863 endgültig gescheitert. Die Sklodowskis, die im zu Russland gehörenden östlichen Teil Polens lebten, waren Teil der Intelligentsia, die den Besatzern feindlich gegenüberstand. Anders als einige entferntere Verwandte aber glaubten Marias Eltern nicht, dass man sich durch bewaffneten Kampf von der russischen Herrschaft würde befreien können. Sie waren überzeugt, dass Bildung der entscheidende Grundstein für eine neue Eigenständigkeit des Landes wäre. Dementsprechend viel Wert legten sie von frühester Kindheit an auf die Ausbildung ihrer fünf Kinder. Maria, die von allen Manja gerufen wurde, konnte schon im Alter von vier Jahren lesen und kam zwei Jahre vor ihren Altersgenossen in die Schule. Mit nur 16 Jahren machte sie als Jahrgangsbeste ihren Abschluss.

Da Mädchen an den heimischen Universitäten nicht zugelassen waren, mussten sich die gut ausgebildeten Sklodowski-Töchter nach einem Studienplatz im Ausland umsehen. Die Wahl fiel auf Frankreich, doch es konnte sich zunächst nur eines der Mädchen auf die Reise machen, denn seit der Vater aufgrund seiner anti-russischen Haltung seine gut bezahlte Stelle in Warschau verloren hatte, war das Geld knapp. Als Ältere erhielt Bronia den Vorzug; und Maria nahm eine Stelle als Hauslehrerin an, um ihrer Schwester finanziell unter die Arme greifen zu können. Parallel dazu bildete sie sich an den sogenannten Fliegenden Universitäten fort, illegalen Lehr- und Diskussionsveranstaltungen in Privathaushalten, die auch Frauen offenstanden. Erst 1891 konnte sie selbst - nun ihrerseits von der Schwester unterstützt - ihr Physikstudium an der Sorbonne aufnehmen. Bei der Einschreibung gab sie erstmals Marie als Vornamen an.

Nachdem Marie Sklodowska nach nur zwei Jahren (und wiederum als Jahrgangsbeste) ihr Lizenziat in Physik und ein Jahr später auch jenes in Mathematik erhalten hatte, bearbeitete sie verschiedene Forschungsaufträge. In diesem Zusammenhang lernte sie ihren Mann Pierre Curie kennen, der zu jener Zeit Leiter des Laboratoriums an der École municipale de physique et de chimie industrielles (ESPCI) war. Zwei Jahre nach der Hochzeit im Jahr 1895 kam ihre erste Tochter Irène zur Welt - eben jene Irène, die später als zweite Frau den Nobelpreis für Chemie erhalten sollte.

Ausschlaggebend für Marie Curies eigenen ersten Nobelpreis war die Entscheidung, sich in ihrer Doktorarbeit mit der Becquerel-Strahlung zu befassen. Gemeinsam mit ihrem Mann gelang es Marie Curie, nachzuweisen, dass die Strahlkraft des Urans, die sie in einem Forschungsbericht von 1898 erstmals als "radioaktiv" bezeichnete, eine atomare Eigenschaft ist. Kurz darauf entdeckten die Eheleute zwei bislang unbekannte Elemente, bei denen die beobachteten Effekte noch viel stärker zu Tage traten: das Polonium, das sie nach Maries Heimat Polen benannten, und das Radium. 1903 erhielten Antoine Henri Becquerel sowie Pierre und Marie Curie für die Forschungsergebnisse, die Marie zu Beginn des Jahres in ihrer Doktorarbeit Untersuchungen über die radioaktiven Substanzen veröffentlicht hatte, den Physik-Nobelpreis. Marie gehörte allerdings nur zu den Laureaten, weil ihr Mann das schwedische Komitee in einem Schreiben darauf aufmerksam gemacht hatte, dass seine Frau nicht nur die Forschungsrichtung vorgegeben, sondern auch den weitaus größeren Anteil am Zustandekommen der Ergebnisse hatte. Trotzdem war es Pierre, der am Ende auf dem Podium stand, während Marie einen Platz im Publikum zugewiesen bekam.

Nach dem Unfalltod ihres Mannes im Jahr 1906 - Pierre war in der Nähe des Pont Neuf von einer Droschke überrollt worden - trat Marie, die öffentlich bislang eher als Assistentin wahrgenommen worden war, stärker ins Rampenlicht. Ermöglicht wurde ihr dieser Schritt durch Pierres Familie, die die alleinerziehende Mutter mittlerweile zweier Kinder (1904 war die zweite Tochter Ève geboren worden, die später mit Madame Curie eine der wichtigsten Biografien über ihre Mutter schreiben sollte) nach Kräften unterstützte. Marie übernahm zunächst vertretungsweise Pierres Lehrveranstaltungen an der Universität; 1908 wurde sie zur ersten Professorin an der Sorbonne berufen. In der Folge wurde sie Mitglied in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen und Kommissionen, darunter die Internationale Radium-Standard-Kommission, die die Maßeinheit für Strahlungsaktivität festlegte und ihr den Namen ihrer Entdecker gab: Curie.

Im Herbst 1911 glich Marie Curies Leben kurzzeitig einer Achterbahnfahrt. Anfang November hatte die Presse Wind davon bekommen, dass sich aus Maries Bekanntschaft mit Paul Langevin, Schüler Pierres und langjähriger Freund der Familie, eine Liebesbeziehung entwickelt hatte. Das Skandalöse daran: Paul war verheiratet und die Liebschaft der beiden bis zu diesem Zeitpunkt eine weitgehend heimliche. Die Zeitungen veröffentlichten Briefe, die Langevins Frau ihnen zugespielt hatte, und bewarfen Marie mit Schmutz. Sie schimpften sie eine "üble Studentin", die "extra aus Polen gekommen (war), um bei der Entdeckung des Radiums dabei zu sein" und einen französischen Haushalt zu zerstören. Antisemitische Blätter spekulierten angesichts ihres zweiten Vornamens Salomea lautstark über eine jüdische Abstammung. Die Beziehung von Paul und Marie zerbrach an dieser Medienhetze, doch das Schicksal verpasste der gemeinsamen Geschichte Jahrzehnte später eine versöhnliche Wendung, als Pauls Enkelsohn Michel Langevin Maries Enkeltochter Hélène Joliot heiratete.

Kaum berichtet wurde hingegen, dass Marie Curie ebenfalls Anfang November 1911 darüber informiert worden war, dass sie "in Anerkennung ihrer Verdienste um den Fortschritt der Chemie durch die Entdeckung der Elemente Radium und Polonium, durch Isolierung des Radiums und die Untersuchung der Natur und der Verbindungen dieses bemerkenswerten Elementes" erneut - und diesmal allein - den Nobelpreis erhalten sollte. Als das Komitee die Wellen spürte, die die Langevin-Affäre in Frankreich schlug, legte man ihr zwar nahe, von einer Reise zur Preisverleihung Abstand zu nehmen, doch dazu war Marie nicht bereit. Sie fuhr nach Stockholm und stand am 10. Dezember 1911 endlich selbst auf dem Podium, um den bedeutsamen Preis entgegenzunehmen.

Die erste Reise nach Stockholm hatten Pierre und Marie Curie erst mit fast zwei Jahren Verspätung antreten können, da sie mit ersten Folgen der damals noch unbekannten Strahlenerkrankung kämpften, die sie sich bei ihren Untersuchungen zugezogen hatten. Schmerzende Finger, Erschöpfung und eine Fehlgeburt waren die auffälligsten Symptome gewesen. Und auch dieses Mal machte die Gesundheit Marie Curie zu schaffen. In den zwei Jahren nach ihrer Nobelpreisvorlesung (die im ersten Band der Nobel Lectures Chemistry von Elsevier und im Jahresband Le Prix Nobel en 1911 enthalten ist) zog sich die physisch und psychisch angegriffene Wissenschaftlerin aus der Öffentlichkeit zurück; erst Ende 1913 nahm sie wieder verstärkt am wissenschaftlichen Leben teil. 1914 wurde ihr die Leitung des Instituts du Radium (heute Curie-Institut) in Paris übertragen, die sie bis zu ihrem Lebensende inne hatte. Gleichzeitig begann sie, sich verstärkt mit der Radiologie zu beschäftigen. Während des Ersten Weltkriegs ließ sie u.a. Röntgenfahrzeuge einrichten und stellte Radium- und Radonampullen zur Therapie verwundeter Soldaten bereit.

Ihre eigene Gesundheit sollte Marie Curie bis zuletzt zu schaffen machen. Während einer Reise durch die USA, auf der sie sich 1921 bei den vielen Spendern bedanken wollte, die ihr die Anschaffung eines Grammes Radium zur weiteren Erforschung von dessen Einsatzmöglichkeiten in der Medizin ermöglicht hatten, musste sie sich bei Veranstaltungen häufig von ihren Töchtern vertreten lassen.
Mitte der 1920er Jahre litt Marie Curie unter Hör- und Sehstörungen, die sich nur vorrübergehend durch Operationen lindern ließen. In den 1930er Jahren begann ihr Körper vollends zu verfallen. Am 4. Juli 1934 verstarb sie im Sanatorium Sancellemoz (Schweiz) an einer seltenen Form der Anämie, die mit ihrem jahrelangen Umgang mit radioaktiven Elementen in Verbindung gebracht wird. Marie Curie ist also - wie so viele andere Forscher - aller Wahrscheinlichkeit nach ihrem Forscherdrang zum Opfer gefallen.


Juliane Schmidt-Wellenburg



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