Orlova Musorgsky Days
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Musorgskij, Modest Petrovic: Marsch: Vzyatiye Karsa (Die Gefangennahme des Kars)
Modest Petrovic Musorgskij (geb. Karevo/Pskov, 9./21. März 1839 - gest. St. Petersburg, 16. 28. März 1881) Marsch: Vzyatiye Karsa (Die Gefangennahme des Kars) Vorwort Im letzten Lebensjahr Musorgskijs beauftragte man ihn, zum 25. Krönungs-Jubiläum von Zar Aleksandr II am 19. Februar / 3. März 1880 etwas beizutragen. Im Bolshoi-Theater plante man dafür einen großen, inszenierten Beitrag einschließlich einer Geschichte in Bildern, die an große Eroberungen und militärische Siege des Zaren-reiches erinnern sollte. Die Bestandteile dieser Gala sollten durch Textmoderationen in Form eines fiktiven Dialogs zwischen der Muse der Geschichte und dem Geist Russlands verbunden werden, begleitet durch Musik. Karl Jul'evic( Davydov, Direktor des Konservatoriums von St. Petersburg, hatte für die Musik zu sorgen und sprach im Januar 1880 zahlreiche prominente Komponisten an - neben Musorgskij auch Anton Rubin tejn, C(ajkovskij, Borodin, Rimskij-Korsakov, Kjui, Napravnik und andere. Jeder, der zusagte, hatte ein bestimmtes Tableaux zu übernehmen und dafür Musik von höchstens sieben Minuten Dauer zu liefern. Es stellte sich heraus, daß es ungemein schwierig war, angesichts der kurzen Zeitspanne etwas Neues zu komponieren, und deshalb bearbeiteten die meisten Mitwirkenden Partituren von früher. Borodins berühmte Steppenskizze aus Mittelasien und Rimskij-Korsakovs Slava sind vielleicht die einzigen für diesen Anlass produzierten Stücke, die sich im Kanon russischer Musik halten konnten. Musorgskijs Beitrag sollte sich auf die Einnahme der Festung des osttürkischen Kriegsherrn Kars im Kaukasus 1855 beziehen (Russlands einziger bemerkenswerter Sieg in den Krim-Kriegen). Er griff dafür auf den Einmarsch der Prinzen und Priester aus seinem nie vollendeten Ballett-Projekt Mlada von 1872 zurück. Der Hauptteil der Originalvorlage bestand aus einer recht angemessenen Folge von Variationen über ein russisches Volkslied um einen Mittelteil herum, dem Trio der Priester . Für den neuen Anlaß ersetzte Musorgskij lediglich diesen Mittelteil durch ein ganz neues Trio, gebildet aus einem türkischen (oder, wie Rimskij-Korsakov meinte, "irgendeinem kurdischen") Thema, weshalb das Stück im Volksmund bald auch Türkischer Marsch genannt wurde. Es war ganz typisch für Musorgskij, frühere Stücke aufzupolieren und dabei zugleich auch bisher ungenutztes Potential zu entfalten. Nichts paßte besser zum zaristischen Nationalismus wie das alte Thema aus Mlada, eine altrussische Khovorod-Weise aus der umfangreichen Sammlung von Balakirev. Solche alten Lieder schamlos auf die neuen Verhältnisse umzumünzen, hatte sich natürlich schon zu dieser Zeit der Tradition russischen Obrigkeitsdenkens eingebettet. Bevor die russische Volksweise in Takt 21 vorgestellt wird, beginnt der Marsch mit einer Militärfanfare im Blech, die Szene des Triumphsiegs bezeichnend, der zu feiern war. Darauf gehen weitere Namen des Stückes zurück, der Triumphmarsch oder Festmarsch in As-Dur. Dies russische Anfangsthema ist drängend, glanzvoll und rational, wurzelt fest in den stabilen Marsch-Metren und wird durch wiederholte Fanfaren-Figuren in Streichern und Schlagwerk festgezimmert. Nach einem energie-reich-grandiosen Crescendo erliegt der Rahmenteil dem Trio, einem Paradebeispiel orientalischer Sinnlichkeit. Musorgskij bedient sich verschiedener Klischees, um diesen Eindruck des Exotischen hervorzurufen, beginnend mit der Einführung des türkischen Themas selbst. Hier moduliert das Stück nach c-moll, und das Schlagzeug wechselt von einer geradlinigen, metrischen Fanfare zu einer ostinaten Tambourin-Begleitung. Die Melodie selbst, unwägbar durch ihre irreguläre Phrasierung, ist synkopiert, chromatisch und wird in ungewöhnlich hoher Tessitura von einem verschleift wirkenden Piccolo vorgetragen, während eine Gegenmelodie, ebenso blumig und unregelmäßig, in der Viola erscheint und die Marsch-Metrik maskiert. Die besessene Viertel-Begleitung im Holz bringt einige ausschweifende Appoggiaturen, und das Pizzicato-Pedal der tiefen Streicher trägt zum Chromatizismus des Hauptthemas bei. Übermäßige und verminderte Intervalle liefern noch mehr hedonistischen Rausch und implizieren ein gut Maß musikalischer Ausschweifung, wie sie oft mit sexuellem Verlangen assoziiert wird. All dem folgt eine Wiederkehr der russischen Militärfanfare und des rationalen Anfangsmaterials. Musorgskijs Gegenüberstellung dieser zwei kontrastierenden Abschnitte mögen auch indeologische Konventionen innewohnen, die mit den eigenen patriotischen Ansprüchen des Zaren angesichts eines so nationalistischen Anlasses einhergehen: Jedenfalls wetteifert das orientalische Trio zweifellos nicht mit der Resolutheit des russischen Rahmenteils. Im Gegenteil: durch den Einschluß derart hedonistischer Musik-Elemente enthüllt uns Musorgskij die damals aufrechterhaltenen Ideale, aber auch Vorurteile seiner Zeit. Wie es manchmal so kommt - schließlich wurden die vom Zaren vorgeschlagenen Feierlichkeiten abgesagt, und sowohl Aleksandr II wie auch Musorgskij selbst waren binnen Jahresfrist tot (bekannterweise durch Trunksucht respektive einem Attentat). Musorgskijs Marsch, der am 22. Januar / 3. Februar zumindest fristgerecht fertig geworden war, wurde aber zumindest noch zu Lebzeiten des Komponisten uraufgeführt, in einem Konzert am 18. / 30. Oktober 1880, neben Borodins Steppenskizze, dirigiert von E.duard F. Napravnik beim zweiten Saison-Konzert der Kaiserlichen Russischen Musikgesellschaft. Wenn auch Musorgskijs Marsch nicht gerade als Meilenstein seines Schaffens erkannt wurde, war die Aufführung doch ein bemerkenswertes Ereignis in seiner Karriere, da der offenkundige Nationalismus des Stücks beim patriotischen Publikum eine Saite zum Klingen brachte, und daher wurde es mit Ovationen gefeiert. Wäre Musorgskij nicht so unerwartet kurze Zeit später gestorben, hätte sein Triumphmarsch durchaus einen Wendepunkt seiner Karriere darstellen können - den Beginn einer Phase, in der sich Musorgskij vielleicht zu einer professionelleren, konservativeren Gangart herabgelassen hätte, Distanz aufnehmend zu den Schablonen seiner Vergangenheit, also jenen unnachgiebigen Neigungen, die so massiv zu seinem unausweichlichen Abstieg beigetragen hatten. Rachel Foulds, April 2009 Literatur - David Brown: Musorgsky. His Life and Works, Oxford University Press, Oxford 2002, S. 350-53. - M. D. Calvocoressi: Musorgsky, The Master Musicians Series, J. M. Dent and Sons Ltd., London, S 179-80. - Jay Leyda und Sergei Bertensson (Hrsg.): The Musorgsky Reader: A Life of Modeste Petrovich Musorgsky in Letters and Documents, Da Capo Press, New York 1970, S. 407. - Francis Maes, Arnold und Erica Pomerans: A History of Russian Music from Kamarinskaya to Babi Yar. University of California Press, 2002, S. 81-3. - Alexandra Orlova: Musorgsky's Days and Works: A Biography in Documents. UMI Research Press, Michigan, S. 28-33. - Richard Taruskin: Musorgsky: Eight Essays and an Epilogue, Princeton University Press, S. 390-2. Aufführungsmaterial ist von Kalmus, Boca Raton zu beziehen. top of page Modest Petrovich Musorgsky (b. Karevo/Pskov, 9/21 March 1839 - d. St. Petersburg, 16/28 March 1881) March: Vzyatiye Karsa (The Capture of Kars) Preface It was during the final year of his life that Musorgsky's March The Capture of Kars (Vzyatiye Karsa) was commissioned in commemoration of the twenty-fifth anniversary of the assumption of Tsar Alexander II. For this occasion (scheduled for 19th February/3rd March 1880), a 'grand scenic representation' was to be arranged at the Bolshoi Theatre incorporating a tableaux vivant that delineated momentous conquests and military accolades of the Tsar's reign. Each element of the gala was to be bound by a dialogue between the Muse of History and the Spirit (geniy) of Russia, and accompanied by music. K. Y. Davidov - the director of the St. Petersburg conservatory at the time - set about organising the accompanying music by approaching...
Orlova, Alexandra: Musorgsky's Days and Works - A Biography in Documents - Russian Music Studies, No. 4, Michigan, UMI Research Press, 1983.
Leicht gebräunt, sonst guter Zustand. Englisch
697 S. Gr.-8°, gebundene Ausgabe



