Apollonius Neue Menschen

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WIELAND, CHRISTOPH MARTIN: Agathodämon in sieben Büchern. Leipzig: G. J. Göschen 1799.
Erste Buchausgabe (zuvor Teile im "Attischen Museum" erschienen), zugleich Band 32 der ersten Werkausgabe. In Göschens eleganter Antiqua gedruckt. Mit dem Band-, dem Reihen- und dem Vortitel sowie dem letzten Blatt mit dem Druckvermerk. Innen minimal gebräunt, Schnitt etwas fleckig, insgesamt gutes Exemplar. Aus der klugen Besprechung der Insel-Neuausgabe (2009) von Gustav Seibt: "... ein so tiefgründiges wie heiter-spielerisches Resümee der Religionskritik der Aufklärung. Der titelgebende Held ... ist an eine reale, allerdings nur in sagenhaften Überlieferungen bekannte Figur der Spätantike angelehnt: den pythagoreischen Wanderprediger Apollonius von Tyana. Er war ein Zeitgenosse von Jesus Christus, und er erzählt in Wielands Roman sein Leben im Alter von 96 Jahren, also am Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus. In der biografischen Parallele zum Gründer der christlichen Religion liegt bereits eine der wichtigsten Pointen des Romans: Denn auch Agathodämon hat versucht, eine das ganze römische Imperium umfassende Glaubensgemeinschaft zu gründen, die der Verbesserung der Sitten in der Gesellschaft und der Moral in der Politik dienen sollte... Doch der uralte, zurückgezogen in einem Bergidyll lebende Agathodämon muss am Ende seines Lebens auch das Scheitern seiner Bemühungen erkennen. Seine elitäre Sekte wurde längst von der volkstümlichen neuen christlichen Religion überrundet, deren Aufstieg der spätantike Intellektuelle mit einer Mischung aus Bewunderung und Erschrecken analysiert. Jesus hatte, so sieht es Agathodämon, dieselben Ziele wie er: eine Ethik der Menschenliebe zu verwirklichen. Aber der Weg seiner Sekte war nicht aufklärerisch, sondern führte zu einem neuen religiösen Kult voller Wundergeschichten und Jenseitsglauben. Der abgründige Witz von Wielands Buch besteht nun darin, dass dem weltweisen, an die Vernunft glaubenden Agathodämon beinahe dasselbe widerfahren wäre: Die ihn verehrenden Menschen machten ihn zu einem übernatürlich begabten, auch wundertätigen Wesen, einem Halbgott, eben einem Dämon... Im letzten Abschnitt seines Romans entwickelt Wieland eine atemberaubende Philosophie der Kirchengeschichte: Die Kirche rettet als Institution die kulturellen Schätze der Antike für die barbarischen Völker. Dabei aber wird sie selbst zu einer irdischen Macht, also dem ähnlich, wogegen Jesus Christus ursprünglich antrat. Das setzt dann eine neue, diesmal erfolgreiche Aufklärung in Gang - den Vorgang, den Wieland für seine Zeit zusammenfasst, 1700 Jahre nach Christus und seinem Helden Agathodämon. So schlägt dieser in bezaubernder idyllischer Umgebung angesiedelte Dialogroman einen großen historischen Bogen von antiker Philosophie zum Zeitalter der Vernunft - und nimmt dabei die Religion auf eben so kritische wie einfühlsame Weise mit hinein. Denn die Aufklärung will am Ende nichts anderes als die ursprünglichen Impulse des Christentums retten. Und all das leistet dieses wunderbar leicht und melodisch geschriebene Meisterwerk deutscher Sprache auf nur 270 Seiten" - beziehungsweise deutlich leserfreundlicher gedruckt, auf 476 Seiten.

8°. 476 S., (1) Bl. Schlichter, etwas späterer Pappband (um 1830) mit handschrftl. Rückentitel (Kanten etwas bestoßen, etwas berieben, kleine Bezugsfehlstellen).

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